Militär-Camps in den USA: Wenn Kinder Krieg spielen – SPIEGEL ONLINE – Panorama

Die Nationalhymne singen, beten. „Denkt daran, ihr seid die Soldaten Gottes!“.
Schießübungen, Drills, strategische Manöver. Was wie Szenen aus einer Einheit des IS klingt, ist für über 400.000 Kinder und Jugendliche in den USA jedes Jahr Programm für die Schulferien. Die Fotografin Sarah Blesener hat verschiedene Camps besucht und fotografiert.
Blesener hatte vor fast drei Jahren eine ähnliche Fotostrecke über Militärcamps in Russland gemacht und darauf von ihren Landsleuten empörte Reaktionen geerntet.
„'Typisch, diese verrückten Russen sind so nationalistisch.' Dabei gibt es bei uns ganz ähnliche Programme für Kinder. Nur dass sie hier nicht als nationalistisch bezeichnet werden, sondern als patriotisch“, erklärte sie in einem Interview mit ZDF heute. Daraufhin beschloss Blesener, sich die Camps im eigenen Land genauer anzusehen.
Dabei stieß sie zum einen auf reine Militärcamps, bei denen sich junge (sehr junge) Amerikaner*innen schon einmal einen Eindruck vom Leben bei den Marines verschaffen können, sowie auf patriotische Camps, in denen den Kindern eine stark konservativ und religiös geprägte Ideologie eingegeben wird.
„Angeblich sind Amerikaner besser als alle anderen, sie wähnen sich von Gott auserwählt. Es ist gefährlich, der jungen Generation solche Werte zu vermitteln. Aber das ist meine persönliche Meinung. Viele Amerikaner, die Eltern dieser Kinder, sehen das ganz anders.“
So sehr, dass sie oft ein kleines Vermögen in solche Camps investieren.

Ähnlich ist es auch bei der dritten, und vielleicht furchtbarsten Art von Camps, die in den USA florieren, den Strafcamps für „schwer erziehbare Kinder“. Meist sind es überforderte Eltern, oft alleinerziehende Mütter, die ihre Kinder, ebenfalls für teures Geld, als letzte Hoffnung in solche Einrichtungen wie das „Camp Consequency“ schicken. Auch hier steht militärischer Drill und Erziehung zum blinden Gehorsam ganz oben auf der Tagesordnung, nebst dem Bestreben, den Kindern unmissverständlich klarzumachen, dass ihre Meinung nichts zählt, und dass der Erwachsene derjenige mit der Macht in der Beziehung ist.
Dabei wurden über die Jahrzehnte auch tausende Missbrauchsfälle und sogar Todesfälle bekannt. Kinder, die heute keine mehr sind, verklagen die Anbieter, leiden auch Jahre später noch an Albträumen und posttraumatischen Belastungsstörungen, erzählt Thomas Burton, ein Strafverteidiger, der im Film „Camp Consequency“ zu Wort kommt.
Erziehungscamps wie sie hier beschrieben werden, sind allesamt Ausdruck eines gesamtgesellschaftlichen Problems in den USA. Denn das Bild, dass viele US-Amerikaner immer noch von ihrem Land haben, jenes, das in Hollywood-Filmen immer bombastischer und farbenprächtiger, perfekter und schöner dargestellt wird, ist mit jedem Jahr weiter von der Realität entfernt. Einer Realität, in der zwei drittel der US Bevölkerung nicht an die Evolution glaubt, in der der Klimawandel zugunsten ungehemmten Konsums geleugnet wird, immer mehr Menschen krank, stark übergewichtig, an der Grenze zu Skorbut leben und die Kriminalitätsraten in vielen Brennpunkten durch die Decke schießen. Hier wird die Hilflosigkeit der einen ausgenutzt, indem man den Eltern verspricht, ihre Kinder durch Disziplin zu funktionierenden Bürgern zu erziehen, in Vierteln, in denen die überwiegende Anzahl der Väter im Gefängnis sitzt und Kriminalität zum Alltag gehört.
Die anderen hoffen, wenn sie ihren Kindern nur oft genug vorbeten, dass sie im besten und schönsten aller Länder wohnen, dass es vieles gibt, worauf man stolz sein muss, und das man notfalls mit Waffengewalt zu schützen hat, dass es dann vielleicht ein Stückchen wahrer wird. Gefühlter Identitätsverlust wird wieder einmal mit indoktrinärer Ideologie und mit Abgrenzung und Erhöhung gegenüber anderen Gruppen kompensiert. Wieder einmal werden mit aller Energie und Wut die Symptome bekämpft, nicht aber die Ursache. Eine durchaus gewollte Verschwendung von Energie, wohlgemerkt. Und wiedereinmal wird damit ein Markt bedient.
Dass hohe Kriminalität aber nicht von missratenen Kindern ausgeht, dass die eigene Armut nicht gegen die Armut anderer verteidigt werden muss und dass ein schwankendes Selbstwertgefühl Reflexion und nicht Negation und Beten erfordert – all das sehen wieder nur die wenigen, nicht die vielen.
Nun die entscheidende Frage: Wer profitiert davon? Sicher, im einzelnen sind es die Campbetreiber.
Im Großen und Ganzen aber sind es die Kriegstreiber, die sich über diese Form der Erziehung, vor allem aber durch das Normalisieren von Krieg, – „Waffen als Spielzeug“, Soldaten als Helden, Gehorsam als Tugend – ihren Nachwuchs heranzüchten. Junge Menschen, denen vorgemacht wird, dass es Spaß ist, in den Krieg zu ziehen und dass sie nur im Gegenzug für Gehorsam Respekt im Leben zu erwarten haben. Auch die Ideologie wird mitgeliefert, um die Bevölkerung milde und wohlwollend zu stimmen, wenn die eigenen Kinder zum sterben und töten geschickt werden. So z.B. die Mutter von Liz Nelson, einem 17-jährigen Mädchen, dass sich nach dem Besuch des Civil Air Petrol Camp für 8 Jahre verpflichten ließ. Die Mutter unterschrieb die Verpflichtungserklärung für das Mädchen, dass noch nicht einmal Alkohol trinken oder wählen gehen darf, bereitwillig. Liz bekommt Respekt. Rüstungskonzerne bekommen ihre Abnehmer. Regierungen bekommen ihr Kanonenfutter beim Kampf um geostrategische Positionen, Ressourcen und Rohstoffe. Eine Win-Win-Win-Situation in der Liz erst merk, dass sie verloren hat, when it‘s way too late.

Dabei ist besonders für uns in Europa und Deutschland dieser Blick in die USA von höchster Relevanz, denn dort sind Widersprüche zwischen den Interessen der Menschen und denen des Kapitals traditioneller Weise noch besser zu erkennen, als bei uns. Dort ist noch offenkundiger als hier, wie weit die Rüstungsmonopole ihren Einfluss ausgeweitet haben. Sie bestimmen die Erziehung einer ganzen Gesellschaft. Das darf uns aber nicht dazu verleiten, zu glauben, dass bei uns alles im Reinen ist und es hier völlig andere Voraussetzungen gäbe. Hier wird nach den gleichen Regeln gespielt, den Regeln des Kapitalismus. Und die deutsche Rüstungsindustrie hat ganz genau dieselben Interessen wie die amerikanische. Absatz, Absatz, Absatz.

http://www.spiegel.de/…/usa-tausende-kinder-und-jugendliche…

Militär-Camps in den USA: Wenn Kinder Krieg spielen – SPIEGEL ONLINE – Panorama

Ballern und beten: In den USA verbringen eine halbe Million Kinder und Jugendliche die Schulferien in Militärcamps. Fotografin Sarah Blesener hat sie besucht.