Der marxistische Philosoph und Bloch-Schüler Hans Heinz Holz über Ernst Bloch, d...

Der marxistische Philosoph und Bloch-Schüler Hans Heinz Holz über Ernst Bloch, d…

Der marxistische Philosoph und Bloch-Schüler Hans Heinz Holz über Ernst Bloch, der heute vor 41 Jahren verstorben ist: „Daß ich ihn schon 1949 kennenlernte und ihm bis zu seinem Tod verbunden war, gehört zu den wichtigsten Eindrücken meiner intellektuellen Biographie. Die fast schmerzliche Konzentration auf einen zentralen Gedanken, um den sich dann die ganze Fülle der Menschheitsgeschichte und ihrer Selbstdarstellung in Philosophie, Literatur und Kunst wie eine Aura legte, machte die unwiderstehliche Wirkung Blochs aus. Auf ihn traf das Wort Authentizität zu wie auf kaum einen Philosophen, dem ich begegnet bin. Bloch war identisch mit seinem Werk“ (Holz: Freiheit und Vernunft, S.80).

Der Kerngedanke von Bloch war es, die Idee von Welt mit einer prinzipiellen Offenheit und Unabgeschlossenheit in einer systematischen Einheit zu verbinden. Dazu musste Bloch den traditionellen Wirklichkeitsbegriff aufbrechen: Wirklich ist nicht nur das, was faktisch vorkommt, was ‚der Fall ist‘, sondern auch das, was möglich ist. Damit kann das historische Erbe der Vergangenheit und die Vorahnung der Zukunft als gegenwärtig begriffen werden. Die Philosophie der Weltveränderung, der Revolution bekam hier ein philosophisch Modell dahingehend, wie ‚das Sein‘ gedacht werden kann. Schon immer gab es eschatologisches Denken, also ein Denken, das auf ein Ende der Zeit, auf die Ankunft eines Reichs der Seligkeit, auf die Aufhebung des Übels in der Welt gerichtet war. Bloch hat die Zeugnisse dieses Denkens gesammelt – wo immer er auch nur Spuren davon in der bunten Geistesgeschichte finden konnte.

So hat Blochs Werk über weite Strecken hin eine religionsphilosophische Färbung. Erst durch Marx/Engels und Lenin, durch das Ereignis der Oktoberrevolution wurde diese religionsphilosophische Perspektive ‚säkularisiert‘. Und das lässt sich an den Unterschieden zwischen der ersten Auflage des ‚Geist der Utopie‘ Blochs von 1918 und der zweiten Auflage von 1923 zeigen. Marx hatte die Eschatologie (ein theologischer Begriff, der die prophetische Lehre von der Hoffnung auf Vollendung des Einzelnen und der gesamten Schöpfung beschreibt), also den luftigen Raum der Gedanken, der Träume und des Glaubens in die harte Wirklichkeit überführt. Er hat aus der Hoffnung eine sachbezogenen Praxis gemacht. Bloch zeigt uns durch sein Werk, dass sich die Wirklichkeit immer auch zur Zukunft hin öffnet – „Denken heißt Überschreiten“ (Ernst Bloch).

Noch einmal sein Schüler Hans Heinz Holz: „Die Parteinahme des humanistischen Philosophen, der mit seinem Ziel in Übereinstimmung bleiben wollte, mußte also für den Kommunismus erfolgen; ein ‚mittlerer‘ Bürgerlicher Humanismus, der die revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft ablehnte, mußte (wenn auch ungewollt) dem Faschismus in für Hände arbeiten (und daß dem wirklich so war, hat das Ende der Weimarer Demokratie gezeigt). Bloch blieb bis zu seinem Tode mit überschütterlichem Herzen dem Kommunismus verbunden – auch dann, als theoretische Auseinandersetzungen in schwieriger politischer Situation ihr 1956 in Konflikt mit Partei und Staat der DDR brachten und er 1961 in die Bundesrepublik übersiedelte, um in Tübingen mit 76 Jahren noch einmal eine neue Lehrstätte zu suchen. Kämpferisch stets; doch einer Politik des individualistischen Abenteuers ebenso klar widerstehend. Ihn heute für die Ideologie irgendwelcher ‚neuen Linken‘ in Anspruch nehmen zu wollen, findet in seinem Werk keine Stütze.“ (Holz: Bloch-Nachruf in der DVZ 32/77, zit. nach Rotfuchs August 2017).

—-

Foto (Bundesarchiv, Bild 183-27348-0023 / CC-BY-SA 3.0)
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-27348-0023,_Berlin,_Ernst_Bloch_auf_Begegnung_der_Geistesschaffenden.jpg