Bildung und Geldbeutel – How is this still ‚a thing‘? Der Bildungsbericht der O…

Bildung und Geldbeutel – How is this still ‚a thing‘?

Der Bildungsbericht der OECD 2018 ist raus. Und – Überraschung! Nach wie vor besteht kein gleichberechtigter Zugang zu Bildung. Immer noch sind verschiedene Bevölkerungsgruppen benachteiligt und immer noch ist der sozioökonomische Status der Familie der Lernenden ein maßgeblicher Indikator für Bildungschancen.
Die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) stellt jedes Jahr vergleichende Studien zum Thema Bildung in ihren 36 Mitgliedsstaaten und 10 weiteren Ländern an und veröffentlicht Berichte darüber. Einer der wichtigsten ist dabei „Bildung auf einen Blick“, dessen Thema dieses Jahr Chancengleichheit sein soll. Doch obwohl der Report 582 Seiten umfasst, werde einige wichtige Fragen gar nicht gestellt.

Am deutschen Schulsystem gibt es eine Menge zu kritisieren. Zunächst einmal die Teilung in Haupt- und Realschule und Gymnasium, die entscheidend ist für die späteren Chancen auf ein gutes Leben. (Also ein Leben, in dem ein Job ausreicht, sich ein Dach über dem Kopf, Essen, den Zugang zu Kultur und Unterhaltung und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu sichern).
Auf diese Teilung des Schulsystems geht der Bericht weder im internationalen Vergleich, noch in der auf Deutschland zugeschnittenen Ländernotiz ein. Hauptaugenmerk liegt, wie in jedem Jahr, vor allem auf dem tertiären Bildungsbereich, also dem Bachelor- und Masterstudium und der Promotion. Hier immerhin zeigt sich, was wir ohnehin schon wussten: Der Bildungsstand der Eltern ist häufig entscheidend für den Bildungsweg, den die Kinder einschlagen. So haben 58% der 25- bis 64-jährigen einen Abschluss im Tertiärbereich, WENN mindestens ein Elternteil ebenfalls einen Abschluss im Tertiärbereich, also einen Bachelor, Master oder Doktor hat. Hingegen haben nur die Hälfte (29%) der Menschen aus der gleichen Altersgruppe einen solchen Abschluss, wenn KEIN Elternteil einen Abschluss im Tertiärbereich hat. Dass genau diese Weiche allerdings schon im Grundschulalter gestellt wird, beweist ein Ergebnis der IGLU 2016 (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung): Die Wahrscheinlichkeit, nach der 4. Klasse eine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen, ist bei Kindern von mindestens einem promovierten Elternteil 3,4 mal höher, als bei anderen, und dass sogar bei GLEICHER LEISTUNG UND INTELLIGENZ.
Der Bildungsstand der Eltern ist also nach wie vor entscheidend für den Bildungsweg der Kinder.
Dabei ist allerdings zu kritisieren, dass der Bildungsstand der Eltern gleichzeitig als „indirekte Kenngröße für den sozioökonomischen Status“ (S.20) gewertet wird. Eine Aufschlüsselung nach Einkommen der Eltern wäre hier wünschenswert, um genaue Aussagen darüber treffen zu können, wie sehr der finanzielle Status der Eltern Einfluss auf den Bildungsweg nimmt.
Denn ob die Eltern gebildet sind, hat sicherlich Einfluss darauf, wie gut sie ihre Kinder daheim im Lernprozess unterstützen können (vorausgesetzt, dass dafür dann nicht wieder die Zeit fehlt). Doch ob sie sich Kopier- und Büchergeld, Klassenfahrten, zusätzliche Bildungsangebote und ggf. Nachhilfe für ihre Kinder leisten können, hängt ganz klar vom Einkommen ab.
Denn gerade diese letztgenannten Belastungen nehmen immer mehr zu. Grund hierfür sind die Unterfinanzierung der Schulen, die nach wie vor größtenteils auf Landesebene geschieht, oder besser gesagt nicht geschieht. Deutschland schneidet hier auch im internationalen Vergleich nur auf den ersten Blick gut ab. Faktisch wird aber z.B. für den Primarbereich (1.-4. Klassen) ca. 33% weniger ausgegeben als im OECD Durchschnitt. Der Sekundarbereich II (etwa die gymnasiale Oberstufe oder Fachoberschulen) wird nicht einmal erwähnt. Auch der Anteil des BIP, der von Deutschland für Bildung ausgegeben wird, liegt unter dem OECD Durchschnitt und betrug 2015 etwa 4,1%, wohingegen der Tabellenführer Norwegen hier mit 6,2% weit besser abschneidet.
Bei allen OECD-Ländern wird das meiste Geld, ob nun aus öffentlichen oder privaten Quellen, für die Bezahlung der Lehrkräfte ausgegeben. Hier ist Deutschland zwar im internationalen Vergleich weit vorne, zu bemängeln ist aber der gravierende Einkommensunterschied zwischen Real- und Gymnasiallehrern 1. zu ihren weiblichen Kolleginnen und 2. zu ihren Kolleg*innen in der Grundschule (11%!). Das schmälert die Attraktivität des Grundschullehrerberufes und schlägt sich in Lehrermangel, Zeitdruck und Überlastung nieder. Die Folge ist eine schlechtere Qualität des Unterrichts, die wiederum nur Familien mit genügend Geld und/oder Zeit und/oder Bildungsstand durch Unterstützung und Nachhilfe ausgleichen können.

Mehr Geld für die Bildung, Steuererleichterungen für Geringverdiener, Erben höher besteuern fordert die OECD. Dabei sollte man aber nicht vergessen, welchen Interessen die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit verpflichtet ist. Nach dem zweiten Weltkrieg für die Umsetzung des Marshallplans zuständig, ist es heute wie damals die weitestmögliche Liberalisierung des Außenhandels, die Ausdehnung des Welthandels und ein konsequentes Wirtschaftswachstum zu fördern. Ihre Mittel dazu scheinen zwar begrenzt, jedoch arbeiten sie mit der „blaming-and-shaming“-Strategie, bei der sie vor allem in ihren PISA-Studien Länder an den Pranger stellen und diese öffentlich unter Druck setzen. Wie objektiv und valide die Datenerhebung durch PISA tatsächlich ist, fragt keiner mehr. Die Länder, darunter auch Deutschland beeilen sich, den Forderungen der OECD zur Wiedergutmachung nachzukommen. Die Folge war G8, eine Verdichtung und Kürzung von Lehrstoff, eine kürzere Schulzeit, ein schnellerer Einstieg in den Arbeitsmarkt. Denn die OECD misst die Qualität der Bildung in Kompetenzen, also auf dem Arbeitsmarkt verwertbare Gütekriterien. Eine Ausrichtung auf kritisches und reflexives Denken, auf die Erziehung mündiger Arbeitnehmer*innen und Bürger*innen in einer Demokratie lässt die Organisation vermissen.

Mehr Geld für die Bildung fordern auch wir! Ebenso wie die Abschaffung des drei-gliedrigen Schulsystems! Denn wir wollen keine systematische Selektion und Diskriminierung bereits im Grundschulalter, wir stellen uns gegen die Heranzüchtung von unkritischen Arbeitsmaschinen und fordern eine echte Bildung im Sinne des Humanismus, die uns befähigt, ein selbstbestimmtes und nachhaltiges Leben zu führen