Ahed Tamimi, palästinensische Aktivistin – Jung & Naiv: Folge 383 (Deutsch)

Die 17-jährige palästinensische Aktivistin Ahed Tamimi wurde diesen Sommer nach 8 Monaten Haft aus dem Gefängnis entlassen. Mit 16 Jahren war sie wegen eines Angriffs auf einen israelischen Soldaten verhaftet und verurteilt worden. Dabei hatte sie den Mann geohrfeigt, der ihren Cousin kurz zuvor durch eine Schussverletzung beinahe getötet hatte. Das Video, dass den Vorfall dokumentiert, erlangte weltweit mediale Aufmerksamkeit und machte Ahed, das Mädchen mit der ungezähmten Lockenmähne, zur Symbolfigur des palästinensische Widerstands.

In diesem Interview mit Tilo Jung von jung&naiv spricht sie von der Zeit im Gefängnis, von ihren Hoffnungen und Plänen, und von Palästina, wie sie es sich wünscht.

Palästina steht seit mittlerweile 50 Jahren unter israelischer Besatzung. In dieser Zeit haben die Israelis immer mehr palästinensisches Staatsgebiet durch illegale Besiedelung und Schaffung von Tatsachen unter ihre Kontrolle gebracht. Dabei werden abertausende Palästinenser*innen unter vorgeschobenen Vorwänden aus ihren Häusern vertrieben, ihr Land wird aufgekauft und ihre Dörfer im Nachhinein illegalisiert. Und das, obwohl die Friedensverhandlungen noch nicht abgeschlossen sind.

Auch in Aheds Heimatdorf Nabi Saleh im Westjordanland gibt es eine israelische Siedlung. Eine Wasserquelle wurde von den Besatzern beschlagnahmt. Der Schulbesuch für die Kinder der Palästinenser*innen wird immer wieder durch Militärkontrollen verhindert oder erschwert und Ahed erzählt, dass im Moment etwa 15 Familienangehörige im Gefängnis sind. Dass dabei auch vor Kindern nicht halt gemacht wird, beweist der Menschenrechtsreport von 2017. Demnach befanden sich bis August 2016 319 palästinensische Minderjährige in Haft. So wie in der Vergangenheit auch ein damals 15-jähriger Cousin von Ahed. Als sie nach ihren Erfahrungen im Gefängnis gefragt wird, berichtet sie von Schlafentzug, Beschimpfungen, Drohungen, von Kälte und Isolation. Es war Folter für sie, doch sie hat es ertragen und ist ungebrochen:
„Es ist selbstverständlich, dass die Palästinenser auf diese Besatzung reagieren. Der Palästinenser macht das nicht einfach so, weil er psychisch krank ist und deshalb tötet. Der Druck durch die Besatzung lässt ihn für seine Freiheit kämpfen,“ erklärt Ahed. Widerstand gegen die auch völkerrechtswidrige Vereinnahmung palästinensischen Staatsgebietes ist das gute Recht jede*r Palästinenser*in.
Das Selbstbestimmungsrecht der Völker wird hier zugunsten imperialistischer Interessen mit Füßen getreten, und zwar mit tatkräftiger Unterstützung der USA und der EU.
Ahed und ihre Familie sind, wie so viele andere Palästinenser*innen keine fanatisch-muslimischen Radikale, ihre Worte und Taten, ihr Widerstand sind das natürliche Ergebnis von 50 Jahren der Unterdrückung, Demütigung, Schikanen, des Landraubs und der Gewalt. Diesen Widerstand betreiben sie mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Aheds kleine Schwester Janna betätigt sich als Reporterin an den Schauplätzen der Auseinandersetzungen mit den Soldaten in Nabi Saleh. Aheds Vater Bassem ist seit Jahren treibende Kraft hinter den Protesten der palästinensischen Dorfbewohner. Ahed erzählt, dass alle Freunde in ihrem Alter und überhaupt alle Menschen die sie kennt, darunter auch befreundete Juden, gegen die Besatzung demonstrieren.

Ob sie glaube, dass ihr Traum und das wofür sie kämpft, eines Tages eintreten wird?
„Sicher wird die Besatzung zu Ende gehen, weil jedes besetzte Land frei wurde. Und wir mit unserem Glauben und Überzeugungen, unserer Geschichte und unserer Freiheit – wir werden eine wachsame Generation sein, die die Befreiung anstrebt", sagt sie.
Ahed würde wieder ins Gefängnis gehen für ihr Ziel, für ihre Freiheit.
Diesen Sommer war sie zu Gast auf dem KNE-Festival in Griechenland, auch zur PVdA in Belgien war sie eingeladen, durfte aber nicht einreisen, ähnlich wie schon 2016, als sie zu einer Vortragstour in die USA eingeladen war und ihr das Visum verweigert wurde.

Wir als SDAJ unterstützen den Widerstand der Palästinenser*innen. Und auch wenn Ahed Tamimi und die SDAJ unterschiedliche Vorstellungen von der Zeit nach der Besatzung haben, ist es ein berechtigter Kampf, den die 17-jährige und ihre Familie, und alle anderen Unterdrückten im Westjordanland und in Gaza tagtäglich führen!

https://www.youtube.com/watch?v=AJEC5i6Zjvg