100 JAHRE FREISTAAT BAYERN. SOZIALISTEN UND KOMMUNISTEN JAGEN KÖNIG DAVON. NEUE …

100 JAHRE FREISTAAT BAYERN. SOZIALISTEN UND KOMMUNISTEN JAGEN KÖNIG DAVON. NEUE REPUBLIK WIRD VON ALTEN KRÄFTEN UND SPD NIEDERGERUNGEN. 100 JAHRE SPÄTER GILT IMMER NOCH: DER KAMPF GEHT WEITER.

Am 7. November 1918, dem ersten Jahrestag der sozialistischen Oktoberrevolution in Russland, versammeln sich knapp 60.000 Menschen auf der Münchner Theresienwiese. Sie folgen einem Aufruf der Arbeiterparteien und der Gewerkschaften und gehen für Frieden auf die Straße. Denn es tobt der erste Weltkrieg in Europa. Zwar hatte der Chef der bayerischen Mehrheits-Sozialdemokraten SPD-Auer (der neben Eisner zu den Rednern bei der Massenversammlung gehört) versprochen, dass er die Lage im Griff hat. Die rechte Mehrheits-SPD und die Gewerkschaften machen alles, damit die Stimmung auf der Kundgebung unter Kontrolle bleibt. Doch im vierten Jahr des Krieges haben es viele einfach satt. Als Auer nach der Kundgebung spazierend nach Hause geht, gehen tausende mit Kurt Eisner und den anderen Revolutionären mit. Denn sein Genosse Felix Fechenbach von der USPD hat zum Sturm aufgerufen: "Auf in die Kasernen! Befreien wir unsere Kameraden! Es lebe die Revolution!".

Schon schnell sind der Hauptbahnhof und der Landtag besetzt. Waffengeschäfte werden geplündert, Militärgefängnisinsassen befreit. Mit dem Telegraphenamt gewinnen die Revolutionäre die Kommunikationsmöglichkeiten, im Mathäserbräu kommt der erste Arbeiter- und Soldatenrat zusammen. Denn im Gegensatz zur Mehrheits-SPD wollte die unabhängige Sozialdemokratie (USPD), zu der Eisner und Fechenbach gehörten, das sozialistische Rätesystem einführen, damit endlich die Interessen der arbeitenden Bevölkerung vertreten werden. Die SPD dagegen wollte den Staat stützen, wollte nun Parlamente wählen und die Macht mit den alten Eliten teilen. Deswegen sind Eisner und Fechenbach auch beide raus aus der SPD. Dort hatten seit zwei Jahren bereits Revolutionäre wie Erich Mühsam, Oskar Maria Graf aber auch Luxemburg und Liebknecht gegen die Kriegspolitik der SPD-Führung und für eine kämpferische Linie eingesetzt, bis sie schließlich die USPD gründeten.

Unter dem Einfluss der USPD standen auch die kämpferischen Matrosen und Arbeiter aus Kiel, wo am 4. November bereits der Umsturz begann, da sie sich dem Krieg verweigern. Gegen den Krieg hatten bereits im Januar tausende Arbeiter, u.a. in Kiel und München, gestreikt. Eisner leitete die Aktionen in München. Nun, wo sich die Soldaten in Kiel erhoben, wurde es Zeit auch in München nach der Macht zu greifen und die 738-jährige Wittelsbacher Herrschaft herauszuwerfen. Als SPD-Auer nach Hause spazierte und die Revolutionäre um Eisner in die Innenstadt zogen, da war der König in seinem Schlossgarten flanieren. Angeblich soll ein Arbeiter zu ihm hin sein um vor der Revolution zu warnen, worauf hin er abgereist ist. Statt Monarchie ist Bayern von nun an ein Freistaat. Dass diese Republik nun Freistaat heißt geht darauf zurück, dass Karl Marx einmal gesagt haben soll, dass der Staat ein Freistaat sein kann, ohne dass der Mensch ein freier Mensch wäre.

Die Unabhängigen von der USPD nahmen sich also zum Ziel, dass ihre Partei "nicht nur, den Staat zu einem Freistaat zu machen, sondern (…) den Menschen zu befreien aus den Fesseln, in die ihn die kapitalistische Gesellschaft geschlagen hat." Deswegen schreibt der neue Ministerpräsident Eisner auch schon am Tag drauf in den Münchner Neuesten Nachrichten: "Grundlegende soziale und politische Reformen werden unverzüglich ins Werk gesetzt." und "Bewahrt die Ruhe und wirkt mit am Aufbau der neuen Welt! Der Bruderkrieg der Sozialisten ist für Bayern beendet. Auf der revolutionären Grundlage, die jetzt gegeben ist, werden die Arbeitermassen zur Einheit zurückgeführt." Doch dazu wird es nicht kommen, da Eisner einen Kompromiss mit der rechten SPD eingehen wird. Denn während die Revolution auf die eigene Vertretung ihrer Interessen in gewählten Räten setzt, grenzt die neue Koalitionsregierung zwischen SPD und USPD die Aufgaben der Räte noch im gleichen Monat ein. Sie sollten ausschließlich beratend wirken.

Schließlich setzte die SPD darauf mit Parlament und kleinen Reformen die Revolution in ungefährliche Bahnen zu lenken. Ihr SPD-Reichspräsident Ebert sagt über die Revolution "ich hasse sie wie die Sünde". Dabei war die Revolution in Bayern das Signal zum Aufstand im ganzen Reich. Waren bereits drei Tage vorher in Kiel die Revolutionären Matrosen auf die Barrikaden gegangen, so wurde die Überwachung in der Hauptstadt bereits massiv verstärkt. Polizeitruppen wurden verstärkt, kaisertreue Truppen in der ganzen Stadt aufgestellt. Matrosen, die versuchten nach Berlin einzureisen wurden direkt interniert. Am nächsten Tag gründen sich in Augsburg, Nürnberg und Fürth auch Rätestrukturen, zwei Tage später wird die Republik in Berlin ausgerufen.

Die Münchner SPD-Jugend heute beruft sich positiv auf die Revolution vor 100 Jahren. Sie bezeichnet Felix Fechenbach als ihren Gründer, weil er im Jahr 1914 zusammen mit anderen die Jugend-Sektion des Sozialdemokratischen Vereins in München gegründet hatte. Dass er dann in den Revolutionsjahren eben kein Mitglied der SPD war, dass er selber zu den Gründungsmitgliedern der USPD gehörte, das verschweigen die Jusos dabei leider. Stattdessen schreiben sie, dass die Revolution "durch das zögerliche und teils reaktionäre Handeln der sozialdemokratischen Führung letztendlich nicht zur Umsetzung eines sozialistischen Programms führte". Was das bedeuten soll? Zum Beispiel, dass die SPD damals die Revolution totgeschlagen hat?

Das ist übrigens keine These von verbitterten Kommunisten, sondern allgemein bekannt. Im Handelsblatt, der Zeitung der großen Banken und Konzerne, hat kürzlich ein Historiker geschrieben: "In der Anfangszeit von Weimar waren es 400 000 kaisertreue Freikorpssoldaten, mit deren Hilfe die SPD-Spitze um Ebert und Scheidemann jeden Aufruhr niederschlagen ließ – so etwa den Spartakusaufstand in Berlin und die Münchner Räterepublik. (…) Von einem fatalen Feindbild und einer völlig überzogenen kommunistischen Aufstandsgefahr ausgehend, setzte die SPD-Führung die demokratische Aufbruchsstimmung leichtfertig aufs Spiel. Die Freikorps aber schufen gleichzeitig jenes extrem aufgeheizte völkisch-nationalistische Klima, in dem Adolf Hitler seinen Weg in die Politik fand. (…) Da die SPD-Spitze die kaiserlichen Eliten nicht für das Kriegsfiasko zur Verantwortung zog, ebnete sie zahllosen 'Dolchstoß'-Legenden den Weg. So wies der Chef der Obersten Heeresleitung, Paul von Hindenburg, jede Verantwortung für die Niederlage zurück und erregte sich über den 'Dolchstoß' der Linken an der 'Heimatfront'."

Diese Stimmung schlug schnell in rechte Gewalt um. Ende Februar wird Eisner von dem Rechtsradikalen Anton Graf von Arco auf Valley auf dem Weg zum damaligen Landtag erschossen. Graf von Arco gibt als Motiv selber an: "Mein Grund: Ich hasse den Bolschewismus, ich liebe mein Bayernvolk, ich bin ein treuer Monarchist, ein guter Katholik. (…) Eisner ist Bolschewist. Er ist Jude. Er ist kein Deutscher. Er verrät das Vaterland". Anfang 1920 kommt es dann zum Prozess gegen den Mörder. Zu dieser Zeit ist neben den Arbeiter- und Bayernräten auch noch eine bürgerliche Koalitionsregierung unter Führung der Mehrheits-SPD an der Macht. Justizminister im Kabinett Hoffmann (SPD) ist Ernst Müller-Meiningen von der DDP-Partei. Er ist berüchtigt, schon aus seiner Zeit in Berlin. Rosa Luxemburg schreibt über ihn: "Unter dem Schrei 'Landesverrat!' stürzen sich die Hubrich und Müller-Meiningen mit Fäusten auf jeden, der die Reichstagstribüne besteigt, um Kritik an der Regierung zu üben."

Was hat er mit dem Tot des ersten bayerischen Ministerpräsidenten und der Konterrevolution in Bayern zu tun? Die Richter verurteilen den Mörder Graf Arco zwar zum Tode, doch sie bescheinigen ihm, dass der Mord an Eisner "nicht niedriger Gesinnung, sondern der glühendsten Liebe zu seinem Volke und Vaterlande" geschuldet sei. Am Tag darauf stimmt der Ministerrat der Empfehlung des Justizministers Müller-Meiningen zu und wandelt die Strafe in eine lebenslängliche Haftstrafe um, vier Jahre später kommt der Faschist Graf Arco wieder frei. Es ist schließlich die Regierung, die nur durch den von der BayernSPD koordinierte Niederschlagung der Revolution an die Macht kommen konnte. Denn die Niederschlagung der Räterepublik Ende April 1919 wurde von der bayerischen SPD-Regierung unter Hoffmann in Bamberg angeleitet, mit der Reichs-Regierung, v.a. mit SPD-Noske, in Berlin koordiniert und von Großindustriellen wie Krupp finanziert. Am Ende marschieren ca. 50.000 bewaffnete, meist rechtsradikale, Truppen in Bayern ein und ertränken die Bayerische Revolution im Blut.

Kurz nach dem Mord an Eisner stürmt Alois Lindner in den Landtag. Der Metzger ist Mitglied des revolutionären Arbeiterrats in München. Er schießt auf Erhard Auer, dem SPD-Innenminister von Eisners Revolutionsregierung, Auer überlebt. Schließlich profitiert dieser, als bekanntester politischer Gegenspieler von Eisner, wie kein anderer von dessen Tod. Lindner wird – im Gegensatz zum faschistischen Eisner-Mörder – zu 14 Jahren Zuchthaus verknackt, von denen er acht Jahre absitzt. Erst durch eine Kampagne der Roten Hilfe wird er 1928 freigelassen und geht dann Anfang der 1930er-Jahre in die Sowjetunion. Die Konterrevolutionäre durften bleiben, für sie gab es keinen Grund zu fliehen. Dem Eisner-Mörder Arco soll SPD-Innenminister Auer sogar einen großen Blumenstrauß geschickt haben.

Heute berufen sich alle auf die Revolution in Bayern. Unblutig sei sie gewesen und der Beginn der Demokratie. Dass sie blutig niedergeschlagen wurde, dass ihre Forderungen nach sozialistischer Umwälzung der Gesellschaft, nach Arbeit, Frieden und Brot, nicht erfüllt wurden, wird verschwiegen. Denn das Bündnis aus Mehrheits-SPD und rechten Militärs läutet wenige Jahre später in Bayern die Zeit der "Ordnungszelle Bayern" ein, die dem Hitler-Faschismus den Weg bereitet. Wenn wir heute der Revolution vor 100 Jahren gedenken, so sind wir uns dessen bewusst, dass die damals erkämpfen Rechte heute wieder in Gefahr sind. Konkret in Bayern durch die CSU-Regierung, allgemein auf der ganzen Welt durch die Politik der herrschenden Klasse, die ihre Interessen mit aller Gewalt gegen andere durchsetzt und dabei munter aufrüstet.

Vor 100 Jahren sind die zehntausenden aus drei Gründen auf die Straße gegangen: Sie fordert Frieden, sie erinnerten an den Jahrestag der bolschewistischen Revolution in Russland, sie forderten Arbeit und Brot. Ihr Protest vom 7. November 1918 bleibt bis heute aktuell. Auch heute gilt, womit der erste Aufruf des Arbeiter- und Soldatenrates in München endete: "Es lebe der Frieden!"